Rolle der KWK in der Erneuerbaren Welt: Empfehlungen für die Koalitionsverhandlungen nach der Bundestagswahl 2021

Deutschland steht mit den kommenden Koalitionsverhandlungen vor einer zentral wichtigen Entscheidung in der Energieversorgung. Deshalb hat sich der B.KWK mit seinen Empfehlungen an die Politik zur Rolle der Kraft-Wärme-Kopplung, gewandt.

Das ausführliche Handlungspaper erhielten die mit den Koalitionsverhandlungen beauftragten politischen Vertreter:innen für eine zukünftige Bundesregierung der Parteien SPD, CDU, Bündnis 90/Die Grünen und FDP.

Wichtig ist, wie wir den „All-Electric-Pfad“ (Elektronen) beschreiten und auch weiterhin Moleküle (Gase und Massen) brauchen. Für alle in der Energiewirtschaft bei Strom und Wärme tätigen Unternehmen ist diese Entscheidung unaufschiebbar, damit die zukünftigen Investitionen, die ein gewaltiges Ausmaß haben, mit der notwendigen Sicherheit und Planbarkeit angeschoben werden können.

Unsere Empfehlungen an die Politik:

Regulatorischen Rahmen anpassen, damit die Klimawende gelingen kann
  • Um Energieträger bestmöglich zu nutzen, ist ein Mindestnutzungsgrad von 80 % nach FW 308 bei jedem Kraftwerk als Zulassungsvoraussetzung zu fordern. Ein Kraftwerk, das den Normnutzungsgrad von 80 % nicht erreicht, darf weder genehmigt noch betrieben werden.
  • Erhalt der KWK-Leistung im Stromnetz auch dann, wenn die Anlagen abgeschrieben sind:  Denn die KWK-Anlagen haben ihre maximale Lebensleistung in der Regel nach Abschreibungsende noch nicht erreicht. Diese Anlagen können als Reservekraftwerke genutzt werden und können den Netzreservebedarf dezentral decken. Dafür ist eine Vergütung per annum durch den Netzbetreiber zu zahlen, die Arbeit (kWh) ist mit dem gültigen 15 Min.-Marktpreis zu vergüten.
  • Industrie-KWK-Anlagen können ohne gesonderte Ausschreibung zur Residuallastdeckung ins Netz der öffentlichen Versorgung einspeisen, die Arbeit (kWh) ist mit dem gültigen 15 Min.-Marktpreis zu vergüten.
  • Das Gasnetz ist Volksvermögen. Das darin transportierte Gas muss mittels EE-Gasen dekarbonisiert werden. Die EE-Gase sind mit Zertifikaten nur in KWK-Anlagen zu verwenden.
  • Im urbanen Raum ist der Ausbau der Wärmenetze voranzutreiben. Die innovative KWK (iKWK) ist dabei ein guter Baustein für die Dekarbonisierung der Wärmversorgung und für den Aufbau einer resilienten Strom- und Wärmeversorgung.
  • Entwicklung einer Lösung, damit BEHG und Erdgaspreisentwicklungen KWK-Anlagen nicht in die Abschaltung treiben, da dies zu einer weiteren Zunahme der fossilen und ungekoppelten Strom- und Wärmerzeugung führt. Dies wiederum wird zu einer Verschlechterung der deutschen CO2-Bilanz und einem weiteren Anheizen der Strompreise führen.
  • Die Emissionshandelssysteme europaweit vorantreiben.
  • Sektoren Gebäudeenergie und Verkehr in das ETS integrieren.
  • Zuordnung der KWK-stromanteiligen CO2-Emission in den Sektor Energiewirtschaft statt mit der Wärme zusammen in den Gebäudesektor.
  • Einführung einer regionalzonenabhängigen Vergütung für die vorgehaltene Leistung.
  • Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) entfesseln, u.a. durch Korrektur und deutliche Reduzierung beihilferechtlicher Anforderungen auf EU-Ebene.
  • Klimaziele auf kommunale Ebene herunterbrechen und kommunale Leitplanung (Wärmeplanung) verankern, Ausbau von Wärme- und Kältenetzen und Beschleunigung von Genehmigungsverfahren vorantreiben.
  • Biomethan, Holz, Ab- und Umweltwärme zur Dekarbonisierung mit hocheffizienter KWK in den Gesetzen und Bauordnungen wie GEG und BEG weiterentwickeln sowie mit Förderprogrammen anreizen.
  • Gesetzgebungen immer auf Effizienz und Klimaauswirkungen prüfen. Ökologie und Ökonomie müssen mit den Klimaschutztechnologien verknüpft werden: Es gibt keine fossile Technik, sondern nur fossile Brennstoffe!
Planungssicherheit schaffen
  • Das KWKG in der heutigen Fassung fortschreiben.
  • Freistellung des KWKG vom EU-Beihilferecht, damit der Vertrauensschutz in KWKG und EEG für die installierte KWK-Leistung erhalten bleibt und Investitionsentscheidungen nicht wieder annulliert werden müssen. Da die mit dem KWKG verbundenen Kosten nicht den Staatshaushalt belasten, sondern die Endverbraucher direkt, ist das KWKG beihilferechtlich nicht relevant.
  • Bei Ausschreibungen im EEG und KWKG sind zukünftig Umweltschäden- und Pandemiefolgen, wie auch Verzögerungen durch Genehmigung und Rechtsprechung beim Realisierungszeitraum angemessen zu berücksichtigen. Investoren dürfen in den vorgenannten Fällen nicht Opfer von Pönalen oder Förderungsverlusten werden.
  • In der Nationalen Wasserstoffstrategie die Sektorkopplung durch Wärmenutzung bei der Elektro-Plasmalyse ergänzen.
  • Wasserstoffbetrieb/-Readieness im Rahmen des KWKG berücksichtigen.
Erneuerbare Brennstoffe verfügbar machen
  • Novellierung der europäischen Erneuerbare-Energien-Richtlinie (RED II) zur RED III in enger Abstimmung mit den Fachverbänden der Energiewirtschaft mit dem Ziel anspruchsvoller Ziele und praxistauglicher Regelungen.
  • Ausbau der Bioenergie besonders bei der Weiterentwicklung von landwirtschaftlichen Reststoffen und Holzabfällen nicht unnötig einschränken oder Anlagen mit überzogenen Auflagen und somit Kosten überziehen.
  • Ein Wasserstoffgasnetz ist in Teilen für Industrieanwendungen vorhanden und muss auf Kosten der Netzbetreiber weiter ausgebaut werden. Wasserstoffbeimischungen in das Erdgasnetz sind nur mit einem Mengenbilanzsystem staatlich zu fördern und in KWK-Anlagen zu nutzen.
  • Verfahren wie Pyrolyse oder Biogene-Plasmalyse zur Wasserstoffgewinnung voranbringen.
  • Die energetische Nutzung von industriellen Reststoffen wie beispielsweise Sägerestholz, Papierschlämme, Nebenprodukte der Lebensmittelverarbeitung für die Strom- und Wärmeerzeugung von Abgaben befreien, da sie auch der Klimaneutralität dienen.

Zu den wesentlichen Fakten:

  • Der Endenergiebedarf in Deutschland beträgt rund 2.500 TWh pro Jahr. Über alle Sektoren haben die Erneuerbaren Energien (EE), Stand heute, hieran einen Anteil von 7,9 %.
  • Der Anteil des Wärmebereichs an der Endenergie beträgt mit etwa 1.390 TWh pro Jahr 55,6 %.
    Der Wärmemarkt wird mit Blick auf die letzten Jahre relativ konstant zu 15 % aus EE gedeckt und hiervon wiederum zu 90 % aus Biomasse inkl. Bioabfall.
  • Durch noch so ambitionierte Klimaziele bis 2045 werden keine EE-Anlagen gebaut. Selbst wenn es gelingt, die überbordenden regulatorischen und beihilferechtlichen Hürden abzubauen, besser noch zu beseitigen, werden wir den erforderlichen Zubau der Windkraft und Photovoltaik nicht sehen. In 2021 ist der Tiefststand des Windkraftzubaus nicht mehr zu vermeiden. Im Bereich der Photovoltaik auf Dächern fehlen Handwerker.
  • Zur KWK, die für das Gelingen der Energiewende unverzichtbar ist, fehlen die gesetzlichen Rahmenbedingungen. In Kombination der Erneuerbaren PV und Wind mit Brennstoffzellen-, Motor- und Turbinen-KWK im Emissionsbilanz-Vergleich zu konventionelle Systemen wie Gasturbine ohne Wärmenutzung sollte die Residuallast-Versorgungssicherheit aus Kraft-Wärme-Kopplung kommen.
  • Für die Wärmepumpe, deren Strombedarf durch das Netz mit dem Wirkungsgrad der Stromerzeugung und -verteilung behaftet ist, beträgt der CO2 Fußabdruck ca. 380 g CO2 /kWh im Strommix 2020.
  • Unter der Prämisse, dass KWK-Anlagen mit Erdgaseinsatz bedarfsgerecht Residuallast durch die Verdrängung von Kohlestrom decken, führt die KWK zur Reduktion klimarelevanter CO2-Emissionen von deutlich mehr als 40 % bei kleineren und nahezu 50 % bei größeren BHKW-Anlagen. Wenn wir jetzt statt Erdgas Biomethan zum Einsatz bringen, dann erhöht sich die CO2-Einsparung auf über 70 %. Gemäß GEG ist der CO2-Faktor von 140 g/kWh anzusetzen. Heutige KWK-Anlagen sind auch mit Wasserstoff zu betreiben oder können mit geringen Kosten auf 100% H2 nachgerüstet werden.
  • Wichtig ist, diese „Low-hanging-fruits“ zu ernten und deutliche Beiträge zum Klimaschutz zu leisten. Beim Atom- und gleichzeitigem Kohleausstieg ist für Systemstabilität im deutschen Stromnetz, Sozialverträglichkeit der Preise und Teilhabe der Bürger:innen an der Energiewende durch dezentrale, hocheffiziente KWK zu sorgen.
  • Soll parallel zum Hochlauf von Wärmepumpen und Elektromobilität die Erzeugung aus fluktuierendem PV- und Windstrom ein verlässlicher Partner die Residuallast decken, muss auch die Regel der EU „Efficiency first” gelten. Daher keine Gasturbinen ohne Wärmenutzung.
  • Millionen von Gas- und Ölheizungen deutschlandweit sollen ersetzt werden. Mit Blick auf die Struktur der Verteilnetze kann noch nicht einmal ein Mehrfamilienhaus mit Wärmepumpe und den gewünschten Ladestationen ausgestattet werden. Hier können Brennstoffzellen- und Motor-KWK (BHKW) in der unteren Netzebene einen erforderlichen Stromnetzausbau ersetzen.